Projekt

Steven Emmanuel: The Good Life

Steven Emmanuel (*1982) lebte 28 Tage allein, unter freiem Himmel und ohne industriell erzeugte Energie. Die Performance fand auf dem UNESCO-Welterbe Zollverein statt, dem Gelände der einst größten Zeche und Kokerei Deutschlands. Der Künstler hatte nur einen Rucksack dabei, in dem unter anderem ein Erste-Hilfe-Set, eine Plane, ein Messer und einige Bücher zum Thema „Überleben in der Wildnis“ verstaut waren. Er hatte kein Wasser und keine Nahrungsmittel bei sich und musste sich von dem ernähren, was das Land zu bieten hatte.

Die Performance stand im Kontext der Ausstellung „Zur Nachahmung empfohlen! Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit“. Emmanuel hinterließ täglich eine Botschaft auf einer Tafel. Diese Nachrichten dienten dazu, seinen Gesundheitszustand zu beobachten, aber sie waren auch ein Palimpsest der kurzlebigen Aussagen und Reaktionen auf die täglichen Herausforderungen, die er erlebte. Er führte außerdem Tagebücher, die er später zu einem Künstlerbuch verarbeitete. Es ist das einzige bleibende Zeugnis seiner existenziellen Erfahrung. #VISIT 2013

Website von Steven Emmanuel

Matthew Hearn: Es begreifen, indem man es zu Ende bringt

Mir wurde einmal eine Anekdote über den amerikanischen Künstler Chris Burden erzählt. Er war eingeladen worden, um einer japanischen Einrichtung ein neues Kunstwerk vorzustellen. Anfang der 70er-Jahre hatte Burden eine Reihe von Performances durchgeführt, bei denen auf ihn geschossen wurde und er sich auf der Motorhaube eines VW Käfers kreuzigen ließ. Aufgrund dieser Arbeiten hatte die Galerie die Einladung ausgesprochen – trotz der Tatsache, dass die Zeit lange vorbei war, in der Chris Burden seinen Körper für solch extreme Darstellungen nutzte. Das Werk, das er der Galerie vorstellte, spielt selbst keine Rolle. Ich möchte Ihre Aufmerksamkeit auf das Missverstehen des Werks und seiner Hintergründe lenken, das durch die Reaktion der Galerie ausgedrückt wird: „Nein, Herr Burden, wir möchten, dass Sie stärkere Schmerzen erleiden und stärker bluten.“ Die Einladung von Chris Burden als masochistischen Adrenalin-Junkie beraubt seine Darbietungen um ihr kalkuliertes Risiko und stellt sie als einmalige Taten eines impulsiven Idioten dar, wie es sie so zahlreich in den extremen japanischen Gameshows gibt.

Schmerzen, Leid und Demütigung sind zu allgemein verfügbaren Ressourcen geworden und die Welt scheint einfach nicht genug davon zu bekommen, dass das Leben schlecht, beschissen und immer noch beschissener ist. In jeder Zeitung und auf jedem Fernsehsender werden wir unentwegt mit dieser zerstörerischen Not konfrontiert. Der Autor Philip K. Dick schrieb: „Realität ist das, was nicht verschwindet, wenn man aufhört daran zu glauben.“ Er bezog dies auf die Weltfremdheit von Science-Fiction, aber auch wir halten an alternativen Wirklichkeiten fest. Auch wenn uns die Nachrichten oder Unterhaltungssendungen die Schauplätze des Leides weltweit in unsere Wohnzimmer bringen, damit wir Zeugen ihrer sorgfältig einstudierten Darbietungen des Elends werden, ist die Kamera ebenso schnell wieder verschwunden. Wie auch die Wirklichkeit aus unseren Köpfen. Wir kehren in unsere eigene Welt zurück, weg von den Schrecken und Leiden, die wir kurz erleben durften, und hin zum nächsten angesagten Ding. Um auf die Probleme der weltweiten Finanzkrise aufmerksam zu machen, haben zahlreiche Politiker unlängst ein Spektakel darum veranstaltet, ihr gutesLeben aufzugeben und Mindestlohn zu beziehen oder eine Woche lang von der Sozialhilfe abhängig zu sein. Ursprünglich wollten sie damit auf die Probleme und Nöte der Menschen hinweisen, doch ihr politischer Pragmatismus wirkte vor der Kamera wie gestellte Sketche einer Realität, die sie nicht kennen. Ihr Mangel an politischer Vorstellungskraft und ihre lächerliche Rhetorik wirkten schulmeisterlich: Viel Lärm um nichts. Nur weil man die Fakten kennt, kennt man noch lange nicht die Wirklichkeit. Was kann uns Steven Emmanuel also über das gute Leben, „The Good Life“ lehren – über Nöte und Verzicht, über soziale Verantwortung und persönliche Sühne? Und was kann ich Ihnen über die persönliche Wirklichkeit und die persönliche Vorstellungskraft bezüglich Steven Emmanuels Performance The Good Lifeberichten, die hinter verschlossenen Türen (oder auf einer Waldlichtung) stattfand, was Sie nicht in seinem Tagebuch lesen können? Mal sehen.

Zur Einführung könnte ich Ihnen erzählen, dass wir privat darüber Witze gemacht hatten, dass ich einen Essay schreiben und dabei Steven Emmanuel nicht einmal erwähnen könnte. Ich würde einfach weiterhin über Chris Burden berichten, oder mich auf die Diskussion über den Film The Good Life(2014) und Tom Good konzentrieren, die Figur von Richard Briers in der gleichnamigen BBC-Sitcom aus den 70er-Jahren. Warum erzähle ich Ihnen von dieser alternativen Wirklichkeit mit scheinbar irrelevanten Möglichkeiten? Weil es wichtig ist, bei einer Einleitung zur Diskussion über Steven Emmanuel und sein Projekt The Good Lifeseine zögerliche und oft hinderliche Einstellung zum Rampenlicht zu erkennen. Auch wenn die Performance auf den ersten Blick wie ein öffentlichkeitswirksamer Stunt eines Draufgängers wirken mag, ist Steven in Wahrheit nur selten so gesellig. Nahezu ohne Vorbereitung von dem zu leben, was die Natur zu bieten hat, mit minimalen Ressourcen und tatsächlich (offenbar) geringer Begabung für die gestellte Aufgabe, mag sich auf dem Papier wie ein gedankenloses und leichtsinniges Unterfangen anhören, allerdings sicherlich nicht wie ein Jackass-mäßiger Stunt oder ein aufmerksamkeitsheischendes Lausbubenstück. Für mich persönlich ist The Good Lifevor allem durch Stevens beharrliches Engagement und seine Zielstrebigkeit charakterisiert. An diesen Tagen, die unter seiner sich selbst auferlegten Kontrolle lagen, entschied sich Steven dafür auszusteigen; er zwang sich offline zu gehen und anstatt sich selbst in den Fokus zu rücken, lenkte er die Aufmerksamkeit von sich ab. Ganz im Gegensatz zu einem öffentlichen Spektakel fungierte diese beinah private, von Verzicht gekennzeichnete Unternehmung als Schutz, als eine Art Tarnung, durch die er sich nahezu anonym und scheinbar unsichtbar an die Grenzen der Menschlichkeit und der Gesellschaft begeben konnte. Auf eine Art und Weise, die wir nie verstehen werden, auf eine Art und Weise, mit der Steven noch heute hadert.

In den ersten Abschnitten des Tagebuchs sagt Steven Emmanuel: „Die Performance selbst ist nur eine Art Linse, um einen größeren Zusammenhang zu betrachten.“ Diese Beschreibung ist vage und bestimmt zugleich. Sie unterstreicht die Multidimensionalität des Projekts als Aktion und als Metapher für größere Zusammenhänge. Als solches sind die genannten Absichten, die dem Projekt zugrunde liegen – eine selbst auferlegte Zeit der Askese durch den Verzicht auf industriell erzeugte Energie – gänzlich verschieden von der Vielzahl an Bedeutungen, die sich nun nach dem Projekt entfalten. So wie sich auch das Tagebuch als eine Sammlung ausgewählter Schnipsel, die in unterschiedlichen Gemütszuständen niedergeschrieben wurden, gänzlich von der tatsächlichen körperlichen Erfahrung während der Performance unterscheidet. Keines dieser Elemente hat jedoch Vorrang. Jedes verleiht dem Projekt seine Form und drückt ihm seinen Stempel auf.

Als Steven Emmanuel sich für VISIT, das Artist in Residence Programm der RWE Stiftung bewarb (…), war sein Projektvorschlag einfach: Er wollte die Produkte des Konzerns meiden, sich von ihnen lösen, sich lossagen. Der Vorschlag selbst war ein Einzeiler, eine Provokation: ein moralischer Protest. An sich war es aber kein entfesselter Protest oder ein Versuch, die Hebel des Konzerns in Bewegung zu setzen. Es ging weder darum, die Welt zu retten, noch darum, den Herstellern der immer größeren, weltweit benötigten Energiemengen die Absolution zu erteilen. Der Vorschlag sollte weder in die eine noch in die andere Richtung eine Botschaft senden. Der Künstler stellte sich vielmehr einen Zustand vor, in dem man die Verantwortung für seine Taten übernehmen muss. Er begriff, dass man nur dann die Verantwortung für Rollen und Darstellungen, Machtstrukturen und Beziehungen herausfordern kann, wenn man die Verantwortung für sich selbst übernimmt.

Es war kein Vorschlag oder ein Werk über die Energie per se, aber aufgrund des Sponsors des Residence Programms war sie im Hintergrund stets spürbar. Durch den Vorschlag, auf und von dem Gebiet der Zeche Zollverein zu leben, das in der Vergangenheit durch den Bergbau Narben erlitten hatte und geschunden wurde, waren die Themen Energie und ihre Produktion ständig präsent. The Good Lifewar keine Prophezeiung einer grünen Zukunft oder ein Gebet für Optimismus. Die vorgeschlagene Performance handelte von dem äußerst persönlichen Prozess, zur Natur zurückzukehren und ein Leben des Verzichts zu führen – nicht nur des Verzichts auf Energie. Aber der Rückzug aus der Gesellschaft, der Prozess der Entkoppelung war für Steven Emmanuel ein Mittel, um sich wieder für jene Themen zu engagieren, die wir sonst als selbstverständlich annehmen. In diesem Kontext war die bewusste Kasteiung ein wichtiger Faktor und der grundlegende Kontext. Aber im Gegensatz zu den politischen Kunststückchen war das willentliche Akzeptieren eines Unterfangens, das Ausdauer erfordert, nicht die logische Schlussfolgerung, sondern das Mittel, um die Vorstellungskraft anzuregen.

Die Entbehrungen des Prozesses, die Aufgabe zu überleben, finden sich im Tagebuch wieder: die neu erlernten Routinen, die fehlgeschlagenen Unternehmungen und die stets präsente und besonnene Aufgabe, ES AUF JEDEN FALL ZU ENDE ZU BRINGEN. Es gibt auch vom Hunger erfüllte Hasstiraden gegen alles und jeden, Momente der existenziellen Klarheit und wirre Versuche, einen Rückzieher zu machen und sich wieder in die Gesellschaft einzugliedern. Durch den unerbittlichen, eindringlichen und beizeiten hilflosen Zustand, einfach kein Glück zu haben, ist das Tagebuch keine leichte Lektüre und möchte das auch nicht sein – und wie wir bereits zuvor festgestellt haben, mögen wir solche Geschichten. Aber unabhängig davon, wie groß die Mitschuld von Steven Emmanuel an den Umständen seiner eigenen Situation war, erleichtert dies den Vorgang des tatsächlichen Erlebens kaum. Durch all diese Aspekte dehnt und übertritt das Tagebuch die Grenzen des Privaten. Was die Performance betrifft, müssen Sie es schon selbst lesen. In dieser Hinsicht bin ich nicht Steven Emmanuels Sprecher. Es gibt hier keinen Spoiler-Alarm. Ob Sie das Tagebuch ganz lesen oder nur auszugsweise: Es sei gesagt, dass wir beim Lesen möglicherweise zu Komplizen seiner Taten werden, wenn es darum geht, Verantwortung zu übernehmen und zu versuchen, sich eine alternative Wirklichkeit auszumalen.

Auch wennThe Good Lifeaus Steven Emmanuel einen zurückhaltenden Performer gemacht haben mag: Sein Engagement für die Aufgabe und sein unbeugsamer Wille es durchzustehen sind durchaus vergleichbar mit seinen früheren Arbeiten. Diese Performance als eine Ausdauerübung zu betrachten bedeutet, die zeitlichen Faktoren über die Prozesse des Werks und den berechneten Rahmen zu stellen. Sehen Sie sich Steven Emmanuels laufendes Projekt Inside the White Cube(2009– …) an. Es begann im Dezember 2009 mit einem Farbtupfer und Steven Emmanuel schloss einen lebenslangen Vertrag mit sich selbst, diese Kugel aus fester weißer Farbe bis zu seinem Tod zu malen. Das ist eine Lebensaufgabe. Aber wie lange dauert ein Leben? Die Zeit ist eine Konstante, aber sie spielt nach nicht bekannten Regeln. Inside the White Cubehandelt zudem von der Handlung an sich: der Bürde der Zweckmäßigkeit und dem Antizipieren des Unbekannten. Was ist das große Finale für dieses Objekt, was ist seine Zukunft? Die Kugel soll am Ende Steven Emmanuels Grabstein werden. Im Januar 2015 war die Kugel so groß wie ein Basketball und wog, seiner eigenen Schätzung zufolge, etwa so viel wie ein dreijähriges Kind. Aber diese Information dient nur als Hinweis. Größe ist wie die Zeit nur eine Frage der Skala: eine Konsequenz des Prozesses. Mit Inside the White Cubeist Steven Emmanuel eine lebenslange Verpflichtung eingegangen. Die Kugel ist mit einem „Horkrux“ bei Harry Potter vergleichbar, in dem er einen Teil seiner Seele versteckt hat. Und durch den Vergleich des Gewichts mit dem Gewicht eines Kindes wird die Beziehung von Steven Emmanuel zur Kugel fast väterlich: Als wäre sie aus seinem eigenen Fleisch und Blut, ist sie eine endgültige, unmissverständliche Verantwortung.

Wie auch Inside the White CubeistThe Good Lifeein im Grunde genommen privates Projekt: Steven Emmanuel führte/führt es ausschließlich zu seinen Bedingungen aus, für sich selbst. Dieser beharrliche, rechtschaffene und zeitweise kampflustige Ansatz, den Steven Emmanuel gegenüber seiner Arbeit verfolgt, macht seine Werke aus: Er stellt den Prozess in den Vordergrund und betrachtet das Werk durch diesen Prozess. Aber dadurch, dass der Prozess über das Produkt gestellt wird, ist die Begegnung mit dem Werk, das Kunstwerk selbst, oft schwer auszumachen. Vielleicht haben Sie bemerkt, dass ich bisher Abstand davon genommen habe, Steven Emmanuel als „Künstler“ und seine Arbeiten als „Kunst“ zu bezeichnen. Auch er selbst hat Bedenken und ist misstrauisch, Dinge als Kunst zu bezeichnen. Seit September 2014 macht er daraus ein bewusstes Unterfangen, eine Performance, und hat das Wort aus seinem Vokabular verbannt. Mein Vermeiden ist keine Imitation, sondern vielmehr die Anerkennung der schwierigen Frage, was die *** inThe Good Lifeist oder sein könnte.

Wenn man im Sinne des Kunstbegriffs überThe Good Lifenachdenkt, gibt es wenig zu besprechen. Betrachtet man es hingegen im Sinne der traditionelleren Theorie der Performance-Kunst, so gibt es eine eindeutige Spannung zwischen der eigentlichen Performance und ihrem Erbe. Dieser Essay begann mit der Besprechung von Chris Burden, einem Künstler, der dafür steht, selbst die Kontrolle darüber zu behalten, wie seine Arbeit dokumentiert und verbreitet wird und wie der Status von Objekten, die mit der Handlung verbunden sind, konzeptionell nach der Performance vorgestellt wird. Durch die Umstände seiner eigenen Konzeption machte Steven Emmanuel den Prozess der Versöhnung nach der Performance wesentlich komplexer. Zunächst traf er die Entscheidung, die Performance dem Publikum oder anderen Zeugen vorzuenthalten – dazu zählten auch jegliche Mittel oder Personen, um die Arbeit zu dokumentieren. Er überzog die Performance mit einem Schleier der Privatheit, der zwar zu einigen wenigen Gelegenheiten gelüftet wurde, im Großen und Ganzen jedoch bestehen blieb. Es gibt keine Bildaufnahmen und es gibt keine nennenswerten Objekte, die durch die Performance eine Bedeutung bekommen hätten.

Neben seinem privaten Eintauchen in das Werk ist das Tagebuch zum einzigen echten Begleiter in der Quarantäne geworden. Die Tagebücher selbst – kleine Notizbücher, in die er seine Aufzeichnungen kritzelte –, getränkt von Regen, Tränen und Schweiß, sind in einem gewissen Sinne Reliquien, sie sind das dingliche Element des Werks. Aber anstatt den Status des Tagebuchs auf den eines Kunstgegenstandes, eines objet d’artzu erheben, sind es die Einträge selbst, die Steven Emmanuel als Stellvertreter seines Werks gewählt hat. In diesen Gedankenbruchstücken dauert der Prozess fort. Sie sind ein Prozess des Denkens, ein Durcharbeiten und Austüfteln, wie auch ein Prozess, um sich selbst zu ermahnen und sich die Absolution für die Erfahrungen zu geben, die durch die Performance ans Tageslicht getreten sind. Hierin liegt die ***, diese Worte sind das ***werk und hier in diesem Buch haben sie eine Reise durch die binäre Welt der Einsen und Nullen gemacht, um auf der anderen Seite als gedruckte Wörter zu erscheinen: als „Buchwerk“.

The Good Lifeist somit ein Werk, dessen Wert in den Worten liegt. Worte, die sich zwischen die Wahrheit und uns, den Leser, stellen. Und dennoch sind sie wahr, oder ein Mittel, um zu der Wahrheit zu gelangen, die übrig bleibt. An Stelle von Erfahrungen aus erster Hand beschreibt dieses Buch die Performance in einer bestimmten Form, die Dokumentation in einem bestimmten Sinn, das Konzept und das Nachwort in einem. Das Buch ist jedoch nur ein Erbe des Werks. Aber vor allem ist es das Mittel, um unsere Vorstellungskraft zu wecken, ein Weg, es zu Ende zu bringen. Wie und was Sie sich vorstellen, ist Ihnen überlassen. *

Als Steven mir schweren Herzens die erste Ausgabe seines Tagebuchs übergab, die frisch transkribierten ersten zehn Tage, las ich gerade Butcher’s Crossingvon John Williams. Es war rein zufällig das Buch, das von meinem Buchclub für diesen Monat ausgewählt worden war. Es war nur ein Roman, ganz im Gegensatz zu den biografischen Erzählungen, die ich in The Good Lifelas. Der Roman spielt in der kargen Landschaft des Mittleren Westens der USA und beschreibt einen Moment, in dem die Protagonisten unbekümmert aufbrechen und die von Dürre geplagte Landschaft durchqueren. Stets in der Hoffnung, eine Wasserquelle zu finden. „Allein der Gedanke daran macht dich durstig, oder?“, sagt Schneider, die selbstgerechte Stimme der Vernunft: und es stimmt, es lässt mich nachdenken, es lässt meinen Mund ausdörren. Die Zeit vergeht, die Situation wird unvermeidlich immer schlimmer. Miller wiederholt ständig sein Mantra, „Wir werden Wasser finden“, aber es fällt immer schwerer, ihm zu glauben. Die Zungen der Ochsen schwellen langsam an und die Männer können nichts anderes tun, als die letzten Wassertropfen in ihre geschwollenen Münder rinnen zu lassen. Und die ganze Zeit denke ich über Stevens prekäre Situation nach. Kurz nach Anbruch des dritten Tages finden sie endlich Wasser. Ich bin ebenso erleichtert wie die Männer selbst. Aber ich mache mir noch immer Sorgen. Auch wenn inzwischen Monate seit der Rückkehr von Steven Emmanuel vergangen sind und er seine Prüfung bestanden hat – die Verbindung besteht noch immer, es ist alles ein wenig zu real geworden – diese Art von Realität, die nicht verschwindet.